Im ersten Teil unserer Reihe haben wir uns die „Kämpferin“ angesehen. Heute widmen wir uns einem Anteil, der oft viel subtiler agiert und sich hinter hohen Standards versteckt: Die Perfektionistin.
Sie ist die Stimme in deinem Kopf, die flüstert, dass „gut“ niemals genug ist. Sie sorgt dafür, dass du dich in Details verlierst, während das große Ganze auf der Strecke bleibt.
Einige meiner Kundinnen haben sich hier wiedererkannt. Ich erzähl dir heute mal von Franziska (die eigentlich ganz anders heißt, aber Datenschutz und so,...)
Franzi hat den Betrieb ihrer Eltern übernommen. Sie kam ins Coaching mit dem Ziel, in Rede-Situationen gelassener zu werden. Sie fühlte sich angespannt, ständig unter Druck, sich beweisen zu müssen. Sie hatte so klare Vorstellungen, wie sie zu sein hätte. Ablehnung empfand sie als persönlichen Affront gegen ihre Kompetenz. Also versuchte sie es noch besser zu machen, sich noch mehr vorzubereiten.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Der Kern: Anerkennung durch Fehlerlosigkeit
- 2. Woran du die Perfektionistin erkennst
- 3. Die mentale Falle: Kontrolle als Überlebensstrategie
- 4. Körperliche Signale: Dauerstress und Spannungskopfschmerz
- 5. Die Schutzstrategie: Wenn Vorbereitung zur Bremse wird
- 6. Lösung: Vertrauen lernen und 80 % wagen
1. Der Kern: Anerkennung durch Fehlerlosigkeit
Die Perfektionistin folgt einem strengen Gesetz: „Es muss perfekt sein, damit ich Lob und Anerkennung bekomme.“ Ihr wunder Punkt ist Kritik. Für diesen Anteil in dir bedeutet ein Fehler nicht nur ein Missgeschick, sondern ein Versagen deiner gesamten Persönlichkeit. Du hast vermutlich früh gelernt, dass Bestleistung und das Erfüllen hoher Standards der einzige Weg sind, um wirklich gesehen und geliebt zu werden.
Franziska bspw., war immer Papas Beste. Sie glänzte in der Schule, schloss ihr Studium hervorragend ab, erlaubte sich nur wenig Umwege im Leben, alles straight durchgeplant.
2. Woran du die Perfektionistin erkennst
Achte einmal auf dein Vokabular. Typische Sätze dieses inneren Anteils sind:
- „Ich brauche unbedingt noch [Tool/Wissen/Zeit], damit ich anfangen kann.“
- „Ich kann das noch nicht präsentieren, da fehlt noch eine Kleinigkeit.“
- „Ich bin einfach noch nicht gut genug vorbereitet.“
- Ständiges Nachfragen:” Hast du an xy gedacht, Hast du überprüft ob,...?”
Stimmlich wirken Perfektionistinnen selten frei. Immer schwingt eine gewisse Anspannung mit. Sie wollen es richtig machen und wirken manchmal fast roboterhaft. Gewollte Inszenierung. Na, schon eine Idee, warum Franziska sich wünschte gelassener zu sein?
3. Die mentale Falle: Kontrolle als Überlebensstrategie
Mental bedeutet Perfektionismus vor allem eines: Extreme Kontrolle. Du hast klare Vorstellungen davon, wie Dinge zu sein haben. Abweichungen oder plötzliche Improvisation lösen bei dir echte Panik aus.
Vorbereitung ist für dich nicht nur sinnvoll, sondern „überlebenswichtig“. Kritik von außen fühlt sich wie ein kleiner Stich ins Herz an, worauf du oft mit Kühle oder Abweisungen reagierst, um deinen Schmerz zu verbergen. Innerlich zerbrichst du dir den Kopf, wie du diesen Fehler ausmerzen kannst.
4. Körperliche Signale: Dauerstress und Spannungskopfschmerz
Dein Körper lügt nicht. Wenn die Perfektionistin das Kommando hat, befindet sich dein Nervensystem in einer chronischen Hochspannung, die sich für dich aber ganz normal anfühlt:
- Atem: Du atmest tendenziell zu viel und zu flach.
- Muskulatur: Dein Kiefer ist oft fest zusammengebissen, dein Nacken steif, deine Rückenmuskulatur angespannt
- Symptome: Spannungskopfschmerzen sind deine ständigen Begleiter.
Angestrengte Augen durch eine übertrieben wachsame Präsenz im Kopf.
Sogar bei Entspannungsmethoden wie Yoga versuchst du oft noch, die Übung „perfekt“ auszuführen, anstatt wirklich loszulassen. Die Aufmerksamkeitsspannung bleibt oben.
5. Die Schutzstrategie: Wenn Vorbereitung zur Bremse wird
Auch die Perfektionistin sabotiert dich durch Vermeidung. Wenn du dich nicht zu 150 % vorbereitet fühlst, wagst du nichts Neues. Du verschiebst Abgabetermine, verlierst dich in winzigen Details und kommst schwer ins echte Handeln.
Du willst es absolut perfekt machen – und stehst dir damit selbst so elegant im Weg, dass gar nichts mehr geht.
Oft machst du alles alleine – denn nur du machst es „richtig“. Das Ergebnis? Inneres Kopfkino, Unruhe und eine tiefe Unzufriedenheit, wenn es nicht nach deinen Vorstellungen läuft.
Du neigst zu übertriebener Selbstoptimierung und verlierst immer mehr die Verbindung zu dir selbst.
6. Lösung: Vertrauen lernen und 80 % wagen
Wie entmachtet man eine Perfektionistin? Nicht durch noch mehr Disziplin, sondern durch bewusstes Loslassen.
- Glaubenssätze prüfen: Löse dich von den alten Labels. Du bist wertvoll, auch wenn das Ergebnis mal nur „okay“ ist.
- Körperliche Entspannung: Massiere deinen Kiefer, lockere bewusst deine Bauchmuskulatur. Nimm dir Zeit für dich. Lass dich massieren, geh zur Osteopathie,... Alles, wo du selber nicht aktiv werden musst.
- Mut zur Lücke: Lerne Verantwortung abzugeben. Vertraue anderen Menschen – und vor allem dir selbst.
- Der 80-Prozent-Check: 80 % reichen völlig aus
Dein neues Mantra: „Done is better than perfect.“
In Franzis Fall hat es etwas gedauert, diese große und mächtige Saboteurin ins Boot zu holen, weil sie auch im Coaching die perfekten Antworten parat haben wollte. Mittlerweile weiß Franziska, wie sie Kontrolle durch Vertrauen ersetzen kann und wie sich Sicherheit im eigenen Körper anfühlt. Sie begegnet ihrem Perfektionismus jetzt mit mehr Leichtigkeit.
Kommt dir das bekannt vor? Erwischst du dich auch dabei, wie du die Veröffentlichung einer Idee verschiebst, weil noch eine Nuance fehlt? Oder kennst du jemanden, der sich so im Detail verliert?
Teile deine Gedanken in den Kommentaren! Im nächsten Teil schauen wir uns die nächsten Saboteurin an, die uns das Leben schwer macht. Bleib dran!
Check-in: Wie sehr kontrolliert dich die Perfektionistin?
Nimm dir einen Moment Zeit und beantworte diese Fragen ganz ehrlich für dich selbst. Es geht nicht darum, dich zu bewerten, sondern diesen Anteil in dir liebevoll zu „entlarven“:
- Die 80%-Hürde: Welches Projekt oder welche Aufgabe schiebst du gerade vor dir her, weil du das Gefühl hast, noch nicht „bereit“ oder „perfekt vorbereitet“ zu sein? Was würde passieren, wenn du es heute einfach mit dem Stand von 80 % veröffentlichst?
- Körper-Check: Achte mal in stressigen Momenten auf deinen Kiefer und deine Schultern. Sind sie fest zusammengebissen oder angespannt? Was passiert, wenn du in diesem Moment locker lässt und atmest?
- Fehler-Kultur: Erinnere dich an einen kleinen Fehler, der dir vor Kurzem passiert ist. Wie hast du mit dir selbst gesprochen? Warst du dir selbst eine strenge Kritikerin oder eine verständnisvolle Freundin?
0 Comments